82 % der Frauen gingen 1919 zur Wahl

Mittwoch, 13. März 2019

GrundTreff und VHS feierten den Weltfrauentag mit interessantem Vortrag und DJ Bianka im Anschluss

 „Verbot der politischen Teilhabe für Frauenpersonen, Geisteskranke, Schüler und Lehrlinge“ – Preußisches Vereins- und Versammlungsgesetz von 1850

Frauen in eine Schublade mit Geisteskranken zu stecken, das zeigt nur zu deutlich wessen Geisteskind die Männer im 19. Jahrhundert waren. Bis zur Einführung des Frauenwahlrechts im Jahr 1919 war es ein steiniger Weg, der über fast zwei Jahrhunderte dauerte. Gabriele Clement – ehemalige Leiterin der Volkshochschule Marburg-Biedenkopf – hatte dieses Thema aufbereitet und hielt im GrundTreff vor rund 70 Zuhörerinnen und Zuhörern einen sehr kurzweiligen und interessanten Vortrag anlässlich des 100. Geburtstages des Frauenwahlrechts. Im Anschluss legte DJ Bianka fetzige Musik auf, nach der ausgelassen getanzt wurde.

Französische Revolutionärin landet auf dem Schafott

Wichtige Stationen und vor allem die Protagonistinnen der damaligen Zeit brachte Clement ihrem Publikum sehr lebendig nahe. „Das Frauenwahlrecht fiel den Frauen in den Wirren des 1.Weltkrieges nicht einfach in den Schoß“, sagte Clement Es sei über einen langen Zeitraum hart dafür gekämpft worden. Die Frauenrechtsbewegung nahm ihren Anfang bereits während der Französischen Revolution. Die Französin Olympe De Gouges war eine glühende Revolutionärin. Sie lehnte sich schon Mitte des 18. Jahrhunderts gegen die Unterdrückung der Frau auf -„Die Frau wird frei geborgen und bleibt dem Manne gleich in allen Rechten“, so De Gouges.

Auch die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ von 1791 stammt aus ihrer Feder. Wegen ihrer politischen Meinung wurde sie 1793 zum Tod auf dem Schafott verurteilt.

Bieder gekleidet – für Freiheit kämpfend

Aber auch in Deutschland waren viele Frauen aktiv und streitbar. Clement nannte Louise Otto Peters, die beispielsweise den Satz prägte: „Wir wollen lieber fliegen als kriechen.“ Sie gründete 1848 die erste politische Frauenzeitung. Vom diskriminierenden Preußischen Vereins- und Versammlungsgesetz von 1850, das erst 1908 aufgehoben wurde, ließen sich die Frauen nicht einschüchtern. Sie wurden erfinderisch und hielten ihre Versammlungen unter dem Deckmäntelchen von Wohlfahrtsvereinen Es waren blitzgescheite Aktivistinnen, die in schwarzer, steifer Biedermeier Kleiderordnung beharrlich für ihre Rechte kämpften. Der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF) war der erste Frauenverein in Deutschland, er wurde am 18. Oktober

1865 durch Louise Otto-Peters (1819-1891) und Auguste Schmidt in Leipzig gegründet. Peters war eine sozialkritische Schriftstellerin, Frauenaktivistin und Mitbegründerin der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung. Zentrale Forderung des Vereins war das Recht der Frauen auf gleiche Bildung sowie auf Chancen-gleichheit am Arbeitsmarkt. Die deutsche Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1833-1919) sowie die Juristin und Pazifistin Anita Augspurg (1857-1943) waren weitere wichtige Protagonistinnen der Frauenbewegung. Feindlich Gesinnte gab es noch zahlreich. 1912 gründete sich der Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation.

„Obrigkeit ist männlich; das ist ein Satz, der sich eigentlich von selbst versteht“, formulierte der preußische Historiker Heinrich von Treitschke. Dem gegenüber stand etwa die Positionen von Hedwig Dohn: „Menschenrechte haben kein Geschlecht.“ Clara Zetkin, Anführerin der sozialistischen, feministischen Position wollte, dass Männer und Frau-en eine Gesellschaft formen, die auf der Gleichheit aller beruht. Sie berief sich in ihrer Theorie auf die Grundsätze August Bebels (Begründer der deutschen Sozialdemokratie). Er hatte 1879 die These aufgestellt, dass es keine Befreiung der Menschheit ohne soziale Unabhängigkeit der Geschlechter geben könne. Zwar nahm die SPD bereits in den 1890er-Jahren die Forderung nach einem aktiven Frauenstimmrecht in ihr Pro-gramm auf, repräsentierte damit aber keineswegs eine mehrheitliche Meinung. In Meyers Konversationslexikon heißt es 1909 nämlich: „Dem Mann der Staat, der Frau die Familie“. Frauen wurde Anfang des 20. Jahr-hunderts sogar unterstellt, sie seien während ihrer Periode unzurechnungsfähig. Jedenfalls mussten viele dicke Bretter gebohrt und Hindernisse überwunden werden bis am 19. Januar 1919 die Frauen erstmals wählen durften. 82 Prozent der wahlberechtigten Frauen gaben damals ihre Stimme ab. „Das sind Zahlen, von denen man heute träumt“, sagte Clement.

Marie Juchacz war dann die erste Frau, die als gewählte sozialdemokratische Parlamentarierin eine Rede vor der Weimarer Nationalversammlung hielt. „Auch hundert Jahre später sind Frauen noch nicht wirklich auf Augenhöhe mit den Männern“, sagte Elke Siebler, Geschäftsführerin des GrundTreffs zur Begrüßung.

Elisabeth Newton, stellvertretende Bürgermeisterin der Gemeinde Ebsdorfergrund bedauerte ebenfalls, dass vieles immer noch nicht überall selbstverständlich sei. Sie betonte, dass in der Gemeinde Ebsdorfergrund die Führungspositionen überwiegend von Frauen besetzt seien.

 


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