Über den Sinn und Unsinn von Insektenhotels

Donnerstag, 05. Juli 2018

Der Sommer steht bevor – gut zu erkennen an den Prospekten der Baumärkte. Und wie immer blitzen uns Insektenhotels in sämtlichen Variationen entgegen. Dem Käufer vermitteln sie das Gefühl, der Natur etwas Gutes zu tun. Schnell stellt sich aber Frust und Ernüchterung ein, denn bald schon wird man merken, dass so richtig keine Tierchen einziehen wollen. Das liegt wohl daran, dass diese nett anzuschauenden Häuschen frei von jeglichem Nutzen für die Insektenwelt sind. Kleiner Schlitzkasten für Schmetterlinge, Kiefernzapfen für Käfer wie die beliebten Marienkäfer, völlig zerfranste Stängel für Wildbienen, all dies hat aber ein und denselben Nutzen: es dient wunderbar als Brennholz.

Fangen wir beim Schmetterlingsquartier an. Von den 180 Tagschmetterlingsarten überwintern gerade mal 6 Arten als Schmetterling. Diese bevorzugen allerdings Überwinterungsquartiere wie die Blattunterseiten immergrüner Pflanzen (z.B. Efeu), Dachböden, Kanalisation, Baumhöhlen, Keller usw. Die Anziehungskraft solcher winziger Kästchen auf einen überwinternden Schmetterling liegt daher bei Null.

Ein weiteres, scheinbar sehr beliebtes Material der Hersteller sind Kiefernzapfen und Holzhackschnitzel. Dazu sei gesagt, dass die Insekten, die sich hier einfinden sollen, dort keinen natürlichen Lebensraum vorfinden. Ein paar komplett vom Umfeld isolierte Zapfen oder Holzhackschnitzel sind als „Versteck-„ oder gar „Überwinterungsquartiere“ ungeeignet. Was die Insekten brauchen, sind komplexe, möglichst vielfältig strukturierte natürliche Lebensräume wie Trockenmauern, Totholz, Hecken, Laubhaufen, Ruderalflächen, Moos, Rinden, Steinhaufen…

Bei der gebetsmühlenartig wiederholten Behauptung vieler Nisthilfenhersteller, hier würden sich  Marienkäfer oder Florfliegen ansiedeln, sollte selbst der gutmütigste Kunde stutzig werden. Warum sollten von den  ca. 30.000 Insektenarten Mitteleuropas ausgerechnet die zwei Arten angezogen werden, die sich vorrangig von Blattläusen ernähren und daher ausnahmslos bei jedem Gärtner beliebt sind? Hier handelt es sich um einen reinen Marketing-Gag der Hersteller. Marienkäfer und Florfliegen lassen sich nicht von solchen Pseudoversteckmöglichkeiten in unsere Gärten locken. Sie brauchen eine gut entwickelte Blattlauspopulation, die ausreicht um ihren gefräßigen Nachwuchs zu ernähren. Wenn ich nicht jeden Befall mit Blattläusen sofort bekämpfe, sondern als Gartenbesitzer gelassen den Dingen ihren Lauf lasse, werden sich die natürlichen Gegenspieler von selbst einstellen. Nisthilfen sind hier komplett irrelevant!

Wie man anhand der aufgelisteten Beispiele gut erkennen kann, ist das, was diese Insekten oder Schmetterlinge wirklich brauchen, ein einfaches Stück natürlicher Lebensraum. Mit naturnahen, vielfältig strukturierten Gärten mit einem hohen Anteil einheimischer Wildstauden und -sträucher oder nur kleinen wilden Ecken ist den Insekten mehr geholfen, als mit einem „teurem Stück Designer-Brennholz“. Und nun zu den wichtigsten Bewohnern: den Wildbienen.

Bei den so genannten Nisthilfen bzw. „Insektenhotels“  werden die skurrilsten Dinge angeboten: völlig ausgefranste Schilfhalme, unsauber gebohrte Löcher in Weichholz, waagerecht angeordnete markhaltige Stängel oder Rundhölzer mit Bohrungen parallel zur Holzfaser. All diese Dinge sind für Wildbienen unbrauchbar oder gar lebensgefährlich. Schilf- oder  Bambusrohre sollten komplett splitterfrei sein. Zum Abstreifen des Pollens aus der Bauchbürste kriecht eine Wildbiene „rückwärts“ in ihren Gang, die Flügel müssen daher als erstes einfädeln. Splitter und Fasern am Gangeingang würden die fragilen Flügel bei diesem Prozess unweigerlich zerstören. Glücklicherweise wissen die Insekten instinktiv um diese Gefahr und ignorieren derart unsinnige Angebote komplett.

Gleiches gilt für Bohrungen im Holz. Auch diese sollten keine Fasern oder Splitter aufzeigen.

Ebenso die beliebten Lochziegel – erstens sind die Kanten viel zu scharf und zweitens: welche Biene sollte in diesen großen Löchern nisten?

Ein weit verbreiteter Fehler ist das Bohren der Löcher parallel zur Holzfaser, also ins Stirnholz. Klassisches Beispiel ist das Angebot von in Scheiben geschnittener Stämme bzw. Äste. Die angeschnittenen Holzfasern ziehen Feuchtigkeit, durch ungleichmäßige Trocknung kommt es dann zur massiven Rissbildung. Je feuchter das Holz ist und je dicker die Scheiben, desto intensiver wird dieser Prozess, der sich über Jahre fortziehen kann. Bei Hartholzklötzen mit Bohrungen im rechten Winkel zur Holzfaser stellt sich dieses Problem generell nicht. Von Rissen durchzogene Bohrungen werden in der Regel nicht besiedelt, hier können Pilze und Parasiten problemlos eindringen. Um das gesamte potenziell mögliche Artenspektrum abzudecken empfehlen sich Bohrungen von 2-9 mm. Da die kleineren Arten bei uns deutlich häufiger sind, sollte der Schwerpunkt auf Durchmessern von 3-6 mm liegen. Gänge mit einem Durchmesser von größer als 1 cm werden lediglich in Ausnahmefällen besiedelt.

Zum Schluss sind da noch die markhaltigen Stängel für die Wildbienen. Brombeerstängel zum Beispiel sind sehr beliebt bei solitären Wildbienen- und Wespenarten die ihre Gänge selbst in das weiche Pflanzenmark graben. Da sie die zähe Außenhülle der Stängel mit ihren Kauwerkzeugen nicht durchdringen können, können die Besiedler ausschließlich an Bruchstellen der Stängel in das Mark eindringen. In freier Wildbahn stehen solche Stängel mehr oder weniger senkrecht und einzelnen, diese Nistangebote werden von bis zu 30 verschiedenen Arten besiedelt. Waagerecht und gebündelt angebotene markhaltige Stängel werden daher nur von einer verschwindend geringen Artenzahl genutzt.

Grafiken: Werner David (www.naturgartenfreunde.de)

Fazit: Die angebotenen Insektenhotels können wir also getrost da lassen wo sie sind, denn diese braucht kein Mensch, äh Insekt. Stattdessen können wir ganz einfach selber etwas tun. Nützliche Wildbienennisthilfen bauen (siehe die Beispiele in der Schautafel), Bambus- bzw. Schilfröhrchen in einer leeren Konservendose anbieten oder Hartholzklötze mit sauberen Bohrungen versehen. Entscheidend für die Ansiedlung von solitären Wildbienen und Wespen ist es „wilde“ Ecken in Form verschiedener Strukturelemente im Garten anzulegen, wie beispielsweise Totholzhaufen, Steinhaufen, Trockenmauer, Laubhaufen, Reisig Haufen, usw. Totholz stehen lassen,  heimische Wildpflanzen und Stauden pflanzen (diese natürlich erst im Frühjahr zurückschneiden, denn sie sind die natürliche Überwinterungsmöglichkeit vieler Insekten) … und beim Ordnungssinn im Garten ein Auge zudrücken! J

 

Wir im Ebsdorfergrund kümmern uns um das Thema. Eine Arbeitsgruppe aus Verwaltungsmitarbeitern, Gemeindevertretern und Bürgern tut etwas gegen das Insektensterben und informiert fortlaufend über Wissenswertes und unsere Aktivitäten.

 

Kontaktadresse der Gemeindeverwaltung: Fr. Arnold-Richter, Tel: 06424/304-18,

E-Mail: m.arnold-richter@ebsdorfergrund.de


Zurück zur Startseite