„Grund Netz GmbH“ setzt auf regionale Stärke

Dienstag, 01. März 2011

Stadtwerke Marburg und Gemeinde Ebsdorfergrund kaufen gemeinsam Stromnetz

Rainer Kühne (von links) Bürgermeister Andreas Schulz, Uli Ley und Norbert Schüren freuen sich auf die gemeinsame Zusammenarbeit

Sieben Kommunen haben sich bislang für die Stadtwerke Marburg als neuen Konzessionär für ihr Elektrizitätsverteilernetz entschieden. Mit der Gemeinde Ebsdorfergrund wurde außerdem der paritätische Netzkauf in einer Eigentumsgesellschaft geregelt.

Damit schlossen die Stadtwerke Marburg sowie die Gemeinde Ebsdorfergrund im Landkreis Marburg Biedenkopf eine Vereinbarung, die als Novum gesehen werden kann. Im Detail bedeutet das, dass der „Grund“ als erste Gemeinde den Kauf seines Stromnetz realisiert und damit die Rekommunalisierung in die Tat umsetzt. Dieser gemeinsame Weg habe „Mustergültigkeit“ auch über den Landkreis hinaus, betonten während eines Pressegesprächs in der Gemeindeverwaltung von Dreihausen Bürgermeister Andreas Schulz sowie die Geschäftsführer der Stadtwerke, Rainer Kühne und Norbert Schüren. Dass diese Kooperation möglich wurde, ist verschiedenen Aspekten geschuldet. Über das Zustandekommen und die Details der vertraglichen Vereinbarungen informierten die Geschäftspartner. Die gemeinsam gegründete Eigentumsgesellschaft nennt sich „Grund Netz GmbH“. Sie wird das Stromnetz der Gemeinde verwalten. Den Rückkauf vom derzeitigen Besitzer, der EON-Mitte, haben die beiden Vertragspartner zu je 50 Prozent vereinbart.

Als Gesellschaftsvertreter sind Bürgermeister Andreas Schulz und Norbert Schüren vorgesehen. Die Geschäftsführung der „Grund Netz GmbH“ übernehmen Rainer Kühne und Uli Ley, Fachbereichsleiter Finanzen der Gemeinde Ebsdorfergrund. Der Aufsichtsrat soll aus Vertretern der Gemeinde und den Stadtwerken später gewählt werden und wird paritätisch aus Vertretern der Gemeinde und den Stadtwerken besetzt.

Gutachten bescheinigte Wirtschaftlichkeit

Grundlage für diese Entscheidung sei ein von der Gemeinde in Auftrag gegebenes Gutachten gewesen, erzählte Schulz. Dieses bescheinigte, dass die Investition in das Stromnetz der Gemeinde eine lukrative Geldanlage darstellt. Prognostiziert sind 5 bis 8 Prozent Rendite. Da die Gemeinde über ausreichend Kapital verfügt, waren auch die Gemeindevertreter diesem vom Bürgermeister eingebrachten Vorhaben gegenüber aufgeschlossen und trugen es mit. „Über alle Parteigrenzen hinweg wurden die Entscheidungen stets einstimmig gefällt am Montagabend“, betonte Andreas Schulz. Die vertraglichen Vereinbarungen zwischen den Stadtwerken und Ebsdorfergrund sehen zum einen die Konzessionsvereinbarung mit den Stadtwerken vor. Damit fließen jährlich 230.000 Euro in die Kasse der Gemeinde. Ist das Netz gekauft, verpachtet die „Grund Netz GmbH“ das Stromnetz an die Stadtwerke Marburg. Der Pachtzins, der an die Eigentumsgesellschaft zu zahlen ist, deckt deren Kosten und die regulatorischen Verzinsungen des finanziellen Engagements. „Das generiert Zusatzeinnamen für die Gemeinde, die wieder in freiwillige Leistungen, wie etwa den Ausbau der Versorgung von Unterdreijährigen, investiert werden kann“, erklärte Andreas Schulz. Ein weiterer geldwerter Vorteil ist, dass der Sitz der „Grund Netz GmbH“ in Ebsdorfergrund sein wird und damit die Gewerbesteuer der Gemeinde ebenfalls zugute kommt. Dargestellt ist mit all dem zunächst die finanzielle Seite.

Heimische Wertschöfpung ist „wichtigster“ Punkt

Ein weiterer Beweggrund für diese „weitreichende“ Entscheidung ist, dass der „Grund“ plant bis zum Jahr 2020 energieautark zu sein. Ein eigenes Stromnetz mache die Nutzung regenerativer Energien leichter möglich, weil über die Einspeisung die Netzbetreiber und Eigentümer befinden, erklärte der Bürgermeister. Schüren ergänzte: „Nur so kann man sich klimapolitische und naturschützerische Ziele setzen.“ 2020 sei ein faires Ziel, damit habe der Bürger die Möglichkeit diese Vorgabe auch noch zu kontrollieren, so der Geschäftsführer.

Obendrein sollen die kurzen Entscheidungswege und Synergien den schnellen Ausbau der Breitbandnetze im Ebsdorfergrund möglich machen. Wichtig ist beiden Partnern auch, dass die Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge in der Hand der Kommune bleibt. Die gemeinsame Verflechtung der Gemeinde Ebsdorfergrund mit dem Marburger Unternehmen ist bereits vielschichtig und wurde nun weiter ausgebaut. Beispielweise liegt auch die Entsorgung in Händen der Stadtwerke. Dass die Vorstellung dieser „besonderen“ partnerschaftlichen Verbindung ein freudiges Ereignis sei, unterstrich Schüren. Er sagte: „Der wichtigste Aspekt überhaupt ist, dass damit die Wertschöpfung, die in der Region passiert auch dort bleibt“. Kühne belegte dies mit Zahlen: jährlich 700.000 Euro flössen für Neubau und Wartung i. W. an die heimische Wirtschaft. Ebenso verbleiben die Netzentgelterlöse von fast 1,4 Mio. € ebenfalls im Landkreis, sichern Arbeitsplätze und dienen zur Finanzierung von Investitionen und Instandhaltungen.

Verhandlungen waren „fair“ und „transparent“

Verhandelt hatte die Gemeinde mit drei Stromanbietern, den Stadtwerken Marburg, der E.ON-Mitte und der OVAG. „Am kommunalfreundlichsten waren die Stadtwerke, sie sind auf unsere Wünsche am besten eingegangen“, betonte der Bürgermeister. Er wollte in keinem Fall ein Bittsteller in den Reklamationsabteilungen großer Konzerne werden. Kühne und Schüren erklärten, dass die Stadtwerke in der komfortablen Position sei, nicht den schnellen Profit vor Augen haben zu müssen. Entscheidungen dürfen sich auch erst nach 20 Jahren rentieren. Vielmehr ist man darauf aus die Versorgung dauerhaft und sicher zu regeln. Nicht die hohe Rendite für Aktionäre hat man im Sinn, sondern die Leistungserbringung für die Kunden in der Region.

Kaufpreis liegt unter 5,2 Millionen

Dass man ein gutes Geschäft gemacht hat, davon waren beide Partner überzeugt. Die Bewertung des Sachzeitwertes der E.ON-Mitte für den Verkauf des Netzes liegt bei 5,2 Millionen. Dass dieser Betrag über den Tisch geht, ist nicht zu erwarten. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass hier eine beträchtliche Verhandlungsspanne bestehe, meinte Schüren. Überdies wird auch die Größe des „Verhandlungspaketes“ über den Preis mitentscheiden. Dass die Gemeinde Ebsdorfergrund das Stromnetz miterwirbt, sei nicht nur eine gute Lösung, sondern auch entlastend und könne Vorbildcharakter für weitere Kommunen haben, unterstrich Schüren. Die Gemeinden, die ihre Konzession ebenfalls an die Stadtwerke gegeben haben, werden sich voraussichtlich zunächst nicht am Kauf beteiligen. Sie haben die Option sich später zu entscheiden. „Das liegt auch daran, dass sie zur Zeit nicht über das Geld verfügen, wie die Gemeinde Ebsdorfergrund“, so Schüren. Bei diesen Vereinbarungen tragen die Stadtwerke die gesamten Kosten des Netzkaufes. „Langfristig ist für alle entscheidend, dass sich die kommunale Familie enger zusammenschließt“, sagte Kühne abschließend.

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