Obstbäume werden im Ebsdorfergrund wertgeschätzt

Dienstag, 08. Oktober 2013

Die Gemeinde zieht eine erste Bilanz nach dem „Obstbaummassaker“ im vergangenen Jahr:

Was an jenem Tag im März 2012 in der Feldgemarkung in Beltershausen geschah, hat es so im Ebsdorfergrund noch nicht gegeben und „das Fass zum Überlaufen“ gebracht.

Die Rede vom „Obstbaummassaker“ machte schnell die Runde. 248 – darunter auch  alte und seltene Bäume wurden völlig unterschiedslos und unfachmännisch, mit schwerem Gerät einseitig abrasiert. Der Ortslandwirt aus Beltershausen hatte den Auftrag dazu erteilt. Ein Aufschrei ging durch die Bevölkerung und Emails und Schreiben, die das Unverständnis ausdrückten, gingen bei der Gemeinde, den Fachämtern und der Presse ein.

Eine Infoveranstaltung wurde einberufen, dem Ortslandwirt das Schneiden gemeindlicher Bäume untersagt und die Gemeinde bestellte eigens eine Fachkraft, um die schlimmsten Schäden abzuwenden. Alleine in die Rettung der Beltershäuser Obstbäume investiert die Gemeinde rund 25.000 Euro.

Über ein Jahr später kann eine erste Bilanz gezogen werden…

...vor dem Korrekturschnitt...

…vor dem Korrekturschnitt…

Seit Herbst 2012 kümmert sich Baumwart Dieter Karle um die 248 in Mitleidenschaft gezogenen Bäume in Beltershausen, die u.a.am Rande des asphaltierten Feldweges stehen, der als Verlängerung des Grünen Weges zu den landwirtschaftlichen Flächen führt oder aber z.B. entlang des Wirtschaftsweges neben dem Mehrzweckplatz. 248 Mal gilt es für Dieter Karle, die verbliebene Hälfte so zu schneiden, dass der Baum wieder ein ganzheitliches Erscheinungsbild und damit seine Statik erhält. 80 von ihnen hat der Baumwart bereits bearbeitet.

Über diese gute fachmännische Arbeit freut sich nicht nur Bürgermeister Andreas Schulz, sondern auch Dr. Norbert Clement vom Landkreis Marburg- Biedenkopf und dortiger Kreisobstbaumberater, sowie Dietmar Schumann, Landschaftspfleger beim Amt für Bodenmanagement, zeigen sich mit der Arbeit des Fachmanns bei einem Ortstermin sehr zufrieden.

Obstbäume in Beltershausen gehen auf lange Tradition zurück

Obstbäume rund um Beltershausen haben eine lange Tradition. 1872 fand die erste Flurbereinigung in Beltershausen statt, bei der Obstbäume in Feld und Flur gepflanzt wurden, denn zur damaligen Zeit stellten sie eine wichtige Versorgungsquelle für die Bevölkerung auf dem Land dar. Besonders im Darmstädtischen Bereich, südlich von Gießen gibt es heute noch viele Obstbauern. Beltershausen ist da mehr als Enklave zu betrachten, denn nördlich von Gießen gab es nie so viele Obstbäume  wie im Süden. „Umso mehr ist das, was wir in Beltershausen haben, eine Besonderheit,“ sagt Bürgermeister Andreas Schulz und ist umso enttäuschter über den Umgang mit diesem „Kulturschatz“.

Auch bei der zweiten Flurbereinigung 1920 waren Obstbäume von zentraler Bedeutung, genauso wie bei der Flurbereinigung von 1981 bis 2000, bei der auf den Obstbaumbestand rund um Beltershausen geachtet wurde. Um die Pflege der Bäume hatte sich viele Jahre der Beltershäuser Verschönerungsverein gekümmert.
„Vermutlich sind unter dem Bestand noch einige Raritäten“, meint Dr. Clement und für die Bäume soll nun ein Kataster angelegt werden. Ziel ist es auch, die jeweiligen Sorten an den einzelnen Bäumen  namentlich zu kennzeichnen, um nicht zuletzt die Wahrnehmung der Bäume für die Bevölkerung zu erhöhen.

...und nach dem Korrekturschnitt.

…und nach dem Korrekturschnitt.

Dabei ist die Arbeit des Baumwartes der Gemeinde von Baum zu Baum unterschiedlich, und hängt von den zugefügten Schäden sowie vom Alter des Baumes ab. Jüngere Bäume müssen anders behandelt werden als ältere, so der Baumexperte. Bei besonders schweren Fällen weiß aber auch selbst er keine Lösung mehr und so finden sich zwischen den bereits bearbeiteten Bäumen manchmal auch tote, zwei Meter hohe Stümpfe. „Diese Stümpfe bleiben stehen, denn sie bilden ein Ökosystem, “ erklärt Dr. Clement. So dienen beispielsweise die Insekten, die sich unter der toten Rinde befinden, als Nahrung für Brutvögel in den umliegenden Apfelbäumen und Löcher in den Baumstämmen bieten sich auch als Nistplatz für Vögel an.

Deshalb ist es auch wichtig, dass Wegeparzellen in voller Breite erhalten bleiben und nicht umgepflügt werden. Auch der Feldhase und andere Kleintiere freuen sich darüber.

Mehr als 2/3 der Arbeit liegen noch vor ihm

Betrachtet ein Nicht-Fachmann Dieters Karles Arbeit nach dem Korrekturschnitt, so könnte er allerdings erst einmal schockiert sein, denn zunächst sieht der beschnittene Baum alles andere als schön aus. Aber dieser radikale Schnitt sei nötig, um den Baum wieder „ins Lot“ zu bringen, so der Baumwart. „Ein einzelner Korrekturschnitt reicht dabei bei weitem nicht aus. Jeder Baum muss mehrmals bearbeitet werden, “ sagt Dieter Karle und weiß, dass noch viel Arbeit auf ihn zukommt.

Und auch wenn mehr als 2/3 der 248 Bäume noch beschnitten werden müssen, so geht Dieter Karle weiter mit großem Engagement voran und freut sich über jeden Baum, den er bisher „gerettet“ hat und zukünftig „retten“ kann. Viel Zuspruch für seine Arbeit erhält Dieter Karle auch aus der Bevölkerung. Viele Spaziergänger bleiben stehen, sprechen ihn auf seine Arbeit an und sind sehr erfreut darüber, dass die Gemeinde sich mit der Beauftragung des Baumwartes um dieses wichtige Thema kümmert. Bürgermeister Andreas Schulz abschließend: „Wenn die Aktion ein Nutzen hat, dann den, dass die Gemeinde jetzt durchgreift und auf jeden Baum achtet.“

 

 

 

 

 

 


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