„Die Gemeinde Ebsdorfergrund – Keimzelle einer nachhaltigen Entwicklung“

Donnerstag, 03. Mai 2012

– Bürgermeister Andreas Schulz referiert an Marburger Universität und steht Studenten Rede und Antwort –

Schon einige Male wurde Bürgermeister Andreas Schulz von der Philipps – Universität in Marburg als Gastredner eingeladen, um über verschiedene Themen zu referieren. Auch in diesem Jahr folgte er der Einladung, an der diesjährigen Vortragsreihe teilzunehmen, die unter dem Thema „Wandel durch Bildung“ stand.

Sein Vortrag bezog sich auf die „nachhaltige Entwicklung“ im Ebsdorfergrund. Nach dem einstündigen Referat gab es eine intensive Diskussion mit vielen Fragen.

„Natürliche Vernunft kann fast jeden Grad von Wissen ersetzen, aber kein Wissen die natürliche Vernunft.“

–  Diese Worte des Philosophen Arthur Schopenhauer aus seinem Buch „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zur Zeit der Aufklärung waren die Maxime, unter der sich das Referat von Bürgermeister Andreas Schulz bewegte. In Anspielung auf diesen Leitgedanken meinte der Bürgermeister: „Letztere, also die natürliche Vernunft brauchen wir um den Wandel hin zu einer nachhaltigen Entwicklung in unserer Kommune zu gestalten“, und führte in dieser Richtung weiter aus: „Ein Bürgermeister und eine Gemeinde haben Pflichtaufgaben. Aber um das Zitat von Schopenhauer umzusetzen, braucht man auch freiwillige Aufgaben, die nicht aus Pflicht, sondern aus innerer Überzeugung `mehr zu tun als nötig´, umgesetzt werden.“

Frage einer Studentin:

–          Auf was bezieht sich diese Nachhaltigkeit in der Gemeinde Ebsdorfergrund eigentlich?

Bürgermeister Andreas Schulz:

–          Die Welt ist verletzlicher geworden, – gerade in diesen Tagen die geprägt sind, von der Finanz – und Wirtschaftskrise, der Angst vor Anschlägen  oder wegen der Angriffe in unsere Natur und Umwelt. Die natürliche Lebensgrundlage ist bedroht. Deshalb ist es heutzutage umso wichtiger, dem entgegenzuwirken. Der Ebsdorfergrund soll ein attraktiver Wohnort bleiben, wo die Menschen sich wohlfühlen. Es ist wichtig Versorgungsstrukturen zu schaffen.

–          In den letzten Jahren ging andernorts der Trend hin zur Privatisierung, um höhere Rendite zu erhalten. Die Versorgung, wie man am Beispiel des Rhön Klinikums sehen kann, wurde dadurch nicht besser.

Frage:

–          Wie sehen die Versorgungsstrukturen konkret aus?


Bürgermeister Andreas Schulz
:

–          In der Gemeinde Ebsdorfergrund sind die Bereiche „Wasserversorgung, Abwasser und Abfallentsorgung“ in der Hand der Gemeinde. – Das hat viele Vorteile, denn die Bürger der Gemeinde erhalten einen Gebührenbescheid für alles von nur einer Stelle aus, statt wie es andernorts üblich ist, von vielen unterschiedlichen Behörden. In den Städten und Gemeinden, wo diese Strukturen nicht in der Hand der Gemeinde sind, ist der Bürgermeister meist nur ein Bittsteller in den Reklamationsabteilungen großer Firmen und hat nur geringen Einfluss auf die gemeindliche Entwicklung.

–          Ebenso plant die Gemeinde, das Stromnetz von der Eon Mitte zurückzukaufen, um gemeinsam mit den Stadtwerken als GrundNetz GmbH ein eigenes Stromnetz zu betreiben, so dass die Einspeisung von regenerativen Energien in das eigene Netz gefördert wird.

–          Der Ebsdorfergrund beispielsweise war auch eine der ersten Gemeinden, in der die Straßenbeleuchtung auf LED umgestellt wurde. Große Stromversorger haben davon abgeraten, denn sie möchten ja schließlich nicht unbedingt, dass Energie eingespart wird.

Frage:

–          Ziel der Gemeinde ist es, 2020 energieautark zu sein. Wie soll das umgesetzt werden?

Bürgermeister Andreas Schulz:

–          Wir setzen auf eine Art „Energiemix“, d.h. es sollen nicht nur Windkraftanlagen errichtet werden, sondern wir wollen unsere Energie zu einem Drittel aus der Windkraft, ein weiteres Drittel aus Biomasse und den Rest aus Sonne, das heißt durch die Photovoltaikanlagen auf Dächern in der Gemeinde, gewinnen. Fast alle kommunalen Dächer sind bereits mit PV Anlagen ausgestattet.

–          Von der Raiffeisenbank Ebsdorfergrund wurde eine Bürgersolargenossenschaft mit ins Leben gerufen, die jedem Bürger die Möglichkeit gibt, sich an Projekten zu beteiligen oder Dächer für deren Bau zur Verfügung zu stellen.

–          Die zweite Biogasanlage ist zurzeit im Bau und wird in diesem Jahr noch ihre Arbeit aufnehmen: hier soll ausschließlich Bioerdgas gewonnen werden, damit keine Abwärme entsteht und eine 92%tige Ausnutzung der eingebrachten Energie erreicht wird. Die  Einspeisung des produzierten Bioerdgases erfolgt in das Gasnetz der Stadtwerke. Jährlich werden 44 Mio kWh Wärmeenergie erzeugt, so dass 1500 Einfamilienhäuser versorgt werden können. Die erste von Landwirten betriebene Biogasanlage in Heskem – Mölln  produziert bereits 7500 kWh Strom.

–          Wir planen außerdem auch die Errichtung von drei Windkraftanlagen zwischen Leidenhofen und Winnen im Bereich des „Kalten Stalles“ mit einem privaten Investor umzusetzen.

Frage:

–          Ist das Konzept übertragbar bzw. tragfähig?

Bürgermeister Andreas Schulz:

–          Was nützt uns das Geld, welches wir für Öl und Gas nach Russland oder an die Ölscheichs bezahlen. Es ist doch besser, wenn wir das Geld in den eigenen Städten und Gemeinden ausgeben. Die Menschen sollen ihre Gemeinde mit gestalten können, denn nur vor Ort können wir die Energiewende schaffen. Die großen Firmen wie die Eon Mitte haben nicht wirklich das Interesse, dass weniger Energie verbraucht wird.

Frage: 

–          Ihr  Vortrag hat den Titel „Keimzelle einer nachhaltigen Entwicklung“.

–          Eine Keimzelle hat etwas mit `sich ausbreiten´ zu tun. Inwieweit breitet der Ebsdorfergrund seine Ideen und Entwicklung auf andere Gemeinden aus? Was tun Sie, um andere Gemeinden mit einzubeziehen?

Bürgermeister Andreas Schulz:

–          Zunächst ist wichtig, dass sich das Denken in den Köpfen der Menschen ändert. Früher hat z.B. nicht jeder die Großgemeinde Ebsdorfergrund gewollt, jeder wollte sein eigenständiges Dorf behalten. Heute weiß man, dass man nur gemeinsam mehr erreichen kann.

–          Eine kleine Gemeinde wie der Ebsdorfergrund mit seinen 9000 Einwohnern kann nicht alles alleine stemmen. Deshalb wurde 2007 die Region Marburger Land gegründet, die ich unter anderem auch initiiert habe und in der ich zurzeit der 1.Vorsitzende bin.
Die Region besteht aus der Stadt Amöneburg, den Gemeinden Ebsdorfergrund, Fronhausen und Weimar/Lahn sowie den ländlich geprägten Stadteilen Marburgs mit insgesamt 50 Dörfern und 40.000 Einwohnern.  Ein aktuelles Beispiel: Wir haben Flyer erstellt, die auf die Veranstaltungen und Sehenswürdigkeiten der ganzen Region aufmerksam machen, denn die Touristen wollen wissen, was es in der Region gibt, – denen sind die einzelnen Gemeinden nicht so wichtig.

–          Man sollte nicht nur im Kleinen denken, sich absprechen und auch nicht immer nur egoistisch handeln, und dem anderen z.B. dem Nachbarn Windräder vor die Haustür stellen, wie der Konflikt zwischen Bad Endbach und Dautphetal zeigt oder wie es die Stadt Amöneburg beabsichtigt zu tun.  Eine Gemeinde darf nicht nur ihren eigenen Kirchturm sehen, sondern muss über den Tellerrand hinaus schauen und sich im Kontext betrachten.

Frage:

–          Erzielen Sie denn Erfolge mit ihrem Konzept?

Bürgermeister Andreas Schulz:

–          Neben Lahntal ist der Ebsdorfergrund eine der beiden Gemeinden, die ihre Einwohnerzahl in Zeiten des demographischen Wandels halten können. Zum einen liegt das natürlich an der guten Lage zwischen den Universitätsstätten Marburg und Gießen und dem schnellen Weg zum Frankfurter Flughafen/ Rhein Main Gebiet.

–          Zum anderen spielen aber auch die vielen kleinen Dinge eine Rolle, die dazu beitragen, dass die Bürger sich mit ihrer Gemeinde identifizieren, z.B. das Kindersparbuch, das die Gemeinde für jedes neugeborene Kind anbietet, so dass diese mit 18 Jahren rund 750 Euro erhalten, und vieles mehr.

–          Wir planen auch eine neue Marketingmaßnahme für unsere Unternehmer in der Gemeinde. Unsere rund 600 kleinen Betriebe im Ebsdorfergrund können alleine nicht so viel Marketing betreiben. Deshalb haben uns überlegt, eine gemeinsame Marketingmaßnahme umzusetzen. Die Betriebe, die mitmachen wollen, haben die Möglichkeit, sich vor ihr Geschäft eine überdimensionale rote Vase zu stellen, auf der in weißer Schrift die Aufschrift: „Aus gutem Grund“ steht. – Wir möchten damit die Identifikation mit der Gemeinde herstellen, Arbeitsplätze schaffen und auch sichern.

Dr. Hartmut Bölts:

–          „Ich wohne ja auch in der Gemeinde Ebsdorfergrund und halte den Bürgermeister für eine sehr vertrauensvolle Person, der dafür sorgt dafür, dass die Grundlagen zur Energiewende wirklich gestaltet werden. Zum Abschluss möchte ich noch von dem Bürgermeister wissen:

Was würdest Du uns als Pädagogen raten, damit die Schule den Schülern eine Art `nachhaltige Entwicklung´ für die Zukunft vermitteln kann?

Bürgermeister Andreas Schulz:

–          Es ist wichtig, dass Schulen sich als Bestandteil des Ganzen sehen und sich öffnen und mit anderen Institutionen zusammenarbeiten und sich vernetzen.

Dr. Hartmut Bölts:

–          Vielen Dank für diesen interessanten Vortrag.

Dr. Hartmut Bölts, der auch Vorsitzender des Jugendwaldheims in Roßberg ist, hat schon einige Projektwochen für Kinder und Jugendliche zum Thema „Nachhaltigkeit“ in den Bereichen Umwelt und Natur veranstaltet. Ausgangspunkt hierfür war die Agenda 21 in Rio im Jahre 1992.

 


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